《Vera - Ein Abentuer ins Ungewisse [German]》Kapitel 47: Mann oder Maus
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Ich begrüße den Baron mit einer tiefen Verbeugung. Obwohl wir etwa gleich groß sind, wirkt Herr Lester locker einen Kopf größer. Sein Auftreten vermittelt absolute Zuversicht. “Ich freue mich Sie kennenzulernen Herr Lang”, erwidert der Baron. Die unmittelbar Aufmerksamkeit der anderen Gäste ist mir unangenehm. Ich werde zwar öfters mal angestarrt, aber diese Situation ist anders. Wäre ich doch einfach nur in der Gilde geblieben.
“Mir sind ein paar äußerst interessante Geschichten zu Ohren gekommen Herr Lang. An der Befreiung von Silberstieg als Rang 1 Magier teilzunehmen erfordert eine ordentliche Portion Mut. Auch hat ihr Einsatz maßgeblich zur Beseitigung der Rimmerbande beigetragen. Eine Einladung zu dieser Feier erschien mir deshalb als Belohnung durchaus angebracht.”
Ich bin nicht der Einzige, welcher von den Worten des mächtigsten Mannes in Torfbergen überrascht ist. Annabell, welche neben ihren Vater steht, wirkt alles andere als glücklich über diese Entwicklung. “Ihre Worte ehren mich, aber ich habe lediglich versucht, den Menschen vor Ort bestmöglich zu helfen. Meiner Meinung nach haben die anderen Abenteuer in dieser Schlacht einen wesentlich größeren Beitrag geleistet”, erwidere ich ehrlicherweise. Ich habe weder eine relevante Anzahl an Banditen getötet, noch gelang es mir viele Zivilisten zu retten. Einem Rang 2 Abenteurer wäre an meiner Stelle mehr möglich gewesen. Vielleicht hätte er oder sie sogar die Familie des kleinen Milo retten können. Meine einzige Leistung war es mich von dem Angriff eines Ogers treffen zu lassen, danach durch die Dunkelheit zu irren, dubiose Richtungsangaben weiterzugeben und bei alledem nicht draufzugehen. Eine bestenfalls fragwürdige Leistung, welche in meinen Augen keinerlei besondere Erwähnung bedarf.
Herr Lester mustert mich für einen Moment. Es sind quälend lange Sekunden, doch mir ist nicht danach diese Stille zu brechen. Was auch immer der Baron von meinen Wort halten mag, er teilt seine Einschätzung nicht mit mir. “Dürfte ich einen Blick auf ihren Stab werfen?” Eine weitere Frage auf die ich nicht vorbereitet bin. Ein Magier kann ohne seine Waffe keine Fertigkeiten wirken. Entsprechend ungern geben wir unsere einzige Angriffs- und Verteidigungsmöglichkeit aus der Hand. Allerdings sind die Worte des Barons weniger eine freundliche Bitte, sondern vielmehr eine indirekte Aufforderung. Herr Lester könnte mir jederzeit den Stab einfach aus der Hand reissen wenn ihm danach wäre.
Widerwillig trenne ich mich also von meinen treuen Begleiter. Ich weiss nicht, warum mich der Adlige danach gefragt hat. Es handelt sich schließlich nicht um irgendein ausgefallenes Stück Holz. Jeder Magier erhält bei der Klassenauswahl den gleichen Zauberstab. Für einen Rang 4 ist so eine Waffe wahrscheinlich nicht mehr als ein Spielzeug.
Nach einer kurzen Inspektion überreicht der Baron mir glücklicherweise meinen Stab wieder. “Vielen Dank für ihr Vertrauen. Herr Lang meine Tochter hat mir leider von ein paar sehr unschöne Dingen berichtet. Möchten sie etwas zu ihrer Verteidigung vorbringen?” Ich atme einmal tief durch: “Ich habe gegenüber ihrer Tochter lediglich betont, dass ich wilde Bären für wesentlich gefährlicher halte als sie das tut.” “Sie haben mich schwach und einen Lügner genannt!”, entfährt es Annabell. Der Baron lässt seine Tochter mit einer Handbewegung verstummen. Marco versucht die Situation zu deeskalieren, wird jedoch umgehend von Herrn Lester unterbrochen: “Ich kann mich nicht daran erinnern sie nach ihrer Einschätzung gefragt zu haben Herr Sira”, erwidert er freundlich. “Gegen wie viele Bären haben sie bereits gekämpft?”, fragt mich Herr Lester als nächstes. “Keinen einzigen Sir, jedoch habe ich mich in den letzten Tagen und Wochen gut über diese Tiere informiert. Schließlich ist eine erfolgreiche Bärenjagd für Abenteurer auf meinem Level äußerst lukrativ. Doch alle Leute mit Erfahrung haben mir empfohlen, so ein Unterfangen mindestens mit vier weiteren Leuten anzugehen. Ich wäre ein Narr, wenn ich so eine Warnung nicht ernst nehmen würde.”
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Die anderen Gäste tuscheln untereinander. Ich brauche einen Moment bevor mir klar wird, dass meine Erklärung Annabell indirekt als Idioten bezeichnet. Ein Blick zu meinem Gildenanführer bestätigt mein mulmiges Gefühl. Marco sieht aus, als würde er mich jeden Moment aus dem Fenster werfen damit ich endlich den Schnabel halte. Allerdings sind dem Bogenschütze vorübergehend die Hände gebunden. Vielleicht sollte ich mich sogar darüber freuen, dass der Baron zuerst über eine Strafe entscheiden wird. Ein schneller Tod kann auch eine Art Erlösung sein.
“Ich gebe ihrer Einschätzung Recht”, bemerkt schließlich Herr Lester. Es sind Worte, die erneut schlagartig Stille einkehren lassen. Zu meinem Bedauern liefert der Baron aber auch eine gute Erklärung für seine Worte: “Ein Kampf in freier Wildbahn ist sicherlich nicht mit einer Auseinandersetzung in der Arena vergleichbar. Faktoren wie etwaige Erschöpfung, das Wetter, die Umgebung oder das Überraschungsmoment sind bedauerlicherweise etwas, dass sich nur schwer künstlich erzeugen lässt. Insofern ist es sicherlich richtig zu behaupten, dass ein Kampf in der Wildnis deutlich mehr von einem abverlangt. Jedoch sollte die Demonstration meiner Tochter ebenfalls bewiesen haben, dass unter den richtigen Umständen ein Sieg im direkten Duell durchaus machbar ist. Würden sie mir da zustimmen Herr Lang?”
Wenn man mit “den richtigen Umständen” meint, dass das Tier zu Kampfbeginn bereits nicht mal mehr drei Schritte geradeaus machen kann, dann hat Herr Lester sicherlich Recht. Freilich kann ich ihm das schlecht ins Gesicht sagen. Tatsächlich fällt mir überhaupt keine passende Antwort ein. Allerdings scheint der Adlige auch keine von mir zu erwarten: “Ihre fehlende Weitsicht entschuldigt jedoch nicht ihr Verhalten im Umgang mit meiner Tochter. Selbst in einfacheren Kreisen verbietet es sich eine Dame zu beleidigen. Dies auch noch an ihren Geburtstag zu tun, lässt kein besonders gutes Licht auf ihre Erziehung scheinen Herr Lang. Allerdings sind sie auch noch recht jung und ihre jüngsten Leistungen sprechen ebenfalls für ihre Fähigkeiten. Ich biete ihnen deshalb zwei Möglichkeiten der Wiedergutmachung an. Entweder beweisen sie Größe, zerbrechen ihren Stab und entschuldigen sich formal bei meiner Tochter, oder sie überdenken ihre Haltung bezüglich eines Kampfes zwischen Magiern.”
Der gesamte Raum wartet gespannt auf meine Antwort. Heruntergebrochen bleibt mir die Entscheidung, ob ich ein Mann oder eine Maus bin. Nur ein Feigling würde sich für die erste Option entscheiden. Meinen Stolz herunterzuschlucken ist eine Sache, mich jedoch gänzlich von meiner Waffe zu verabschieden eine Andere. Selbst wenn es mir danach gelingen sollte an einen neuen Stab zukommen, wird sich mich weiterer Aufenthalt in Torfbergen als sehr schwierig erweisen. Somit bleibt mir nichts anders übrig, als die Herausforderung von Annabell anzunehmen.
“Dir ist schon klar, dass du knietief in der Scheisse steckst oder?” “Deine Kommentare sind nicht besonders hilfreich Maria.” Ich befinde mich mittlerweile in einem der zahlreichen Gästezimmer und lausche der gestressten Bogenschützin. In der Welt der Reichen gibt es für alles eine Vorschrift, so auch für ein offizielles Duell. Beide Parteien müssen zunächst einen systemgebundenen Vertrag unterschreiben. In diesem Dokument steht nicht nur der Name der Kontrahenten, sondern auch die geltenden Regeln. Laut Maria rechtfertigen “meine Vergehen” kein Kampf auf Leben und Tod. Trotzdem atme ich erst auf als mir der Vertrag endlich vorliegt. Die Regeln meines bevorstehenden Kampfes sind leicht zu verstehen.
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Der Gewinner ist die Person, welche seinen Gegenüber als erstes mit einer seiner Fertigkeiten Schaden zufügt. Beiden Parteien ist es für die Dauer des Kampfes unmöglich tödlichen Schaden zu verursachen. Nicht namentlich genannten Personen ist es unmöglich den Kampf auf irgendeiner weise zu beeinflussen. Das Zeitlimit des Kampfes beträgt 10 Minuten. Schauplatz des Duells ist die Arena auf dem Anwesen der Lester-Familie. Das Verlassen des Schauplatzes wird als Aufgeben angesehen. Beiden Parteien ist es jederzeit möglich aufzugeben.
Es ist in gleichem Maßen erstaunlich und beängstigend wie viel Macht diese komische, blaue Tinte hat. Solange alle Vertragspartner den Bedingungen freiwillig zustimmen sind die theoretischen Möglichkeiten nahezu endlos. Der Knackpunkt hierbei sind jedoch die benötigten Fertigkeiten eines Verwalters und die Zustimmung des Systems. Selbst der ranghöchste Vertreter dieser Klasse wird niemanden mit Hilfe eines Vertrages zu wahrer Unsterblichkeit verhelfen können.
“Wie schätzt du deine Gewinnchancen ein?”, fragt mich Maria. “Was ich bisher von ihr gesehen habe war jetzt nicht sonderlich beeindruckend”, gestehe ich. “Du solltest diesen Satansbraten nicht unterschätzen” erinnert sie mich. “Annabell mag zwar jung sein, aber ihr Erfolg an der Magierakademie sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen.” Es fällt mir schwer so eine Institution ernst zu nehmen, wenn so eine Göre zu den Besten ihrer Klasse gehört. “Ich werde es im Hinterkopf behalten”, versichere ich ihr.
Eine Sache bereitet mir jedoch auf den Weg zur Arena Kopfschmerzen. Maria hat die Vermutung aufgestellt, dass Annabell mich möglicherweise absichtlich provoziert hat. Meine Einladung ist wahrscheinlich auf den Druck von einflussreichen Leuten hin geschehen. Sie haben Wind von einem neuen Magier in der Stadt bekommen und wollten mich bei dieser Gelegenheit kennenlernen. Welche Ziele und Ambitionen ich verfolge, könnte schließlich auch Auswirkungen auf ihre eigenen Pläne haben. Herauszufinden, zu was ich fähig bin, ist also sehr wohl in ihrem Interesse. Welchen besseren Weg gäbe es also, als den Neuling in einen kleinen Kampf unter Magiern zu verwickeln? Es hört sich absolut absurd an. Jedoch würde ich den anwesenden Persönlichkeiten durchaus so ein politisches Theater zutrauen. Allerdings irren sie sich wenn sie glauben, mich mit so einem Schachzug aus der Reserve locken zu können.
Unter Applaus werde ich in der Arena empfangen. “Viel Glück Herr Lang.” “Wir hoffen auf einen spannenden Kampf Herr Lang.” Jaja, ihr mich auch. Ich händige Maria meinen Umhang aus und steige über eine Treppe in die Grube hinab. Annabell wartet bereits mit einem breiten Grinsen auf mich. Auch gegen mich hält die junge Magiern ein Kleid offenbar für das passende Kleidungsstück: “Ich hatte schon die Befürchtung, dass sie es sich anders überlegt haben.” Um nicht unnötig Sauerstoff zu vergeuden schenke ich dem Geburtstagskind nur ein knappes Lächeln.
Während mich ein Diener zu einer weißen Markierung lotst, erhebt sich auf der Tribüne der Verwalter und informiert die Gäste über die herrschenden Regeln: “Fühlen sich beide Parteien dazu im Stande dieses Duell zu bestreiten?” Sowohl Annabell als auch ich nicken ihm zu. “Dann möge das Duell hiermit offiziell beginnen.” Der Verwalter zerreisst den Vertrag und eine bläuliche Kugel formt sich unmittelbar um die Arena.
Wir beide fangen unmittelbar damit an unseren ersten Zauber zu wirken. Zwei Sekunden später erscheint die mir wohl vertraute, blaue Kugel an der Spitze meines Stabes. Annabell hat sich für eine andere, schnell zu wirkende Fertigkeit entschieden. Gespannt verfolge ich die Entstehung einer orangenen Flamme. Da wir ungefähr zwanzig Meter auseinander stehen, bin ich sehr zuversichtlich was meine Ausweichchancen angeht. Jedoch landet das Projektil mehrere Meter von mir entfernt. Mein erste Vermutung ist, dass sich Annabell schlicht überschätzt hat, doch die Flamme überlebt den Aufprall. Scheinbar harmlos schwebt die Fertigkeit nun vor sich hin. Da sich das Feuer auch eine Sekunde komplett ruhig verhält, gehe ich von einer Art Falle aus. Vielleicht fliegt sie mir hinterher sobald ich mich bewege, oder explodiert erst mit einer gewissen Zeitverzögerung?
Ich feuere meinen Manabolzen auf den unscheinbaren Zauber, welcher daraufhin in einem kleinen Feuerball explodiert. Mein Zögern hat Annabell jedoch genug Zeit gegeben, um meinen Weg mit einer weiteren Flamme zu versehen. Wir verfallen in einem Zauberabtausch zwischen ihrer Feuer-Fertigkeit und meinem Manabolzen. Auch wenn ich mir sicher bin, dass mein Zauber weniger Mana kostet, kann er nicht mit ihrer Wirkzeit mithalten.
Das Resultat ist, dass ich mit meiner nächsten Aktivierung zwar erneut eine Flamme zerstöre, mir jedoch immer noch zwei ihrer Brüder den Weg versperren. Ich bin noch nicht einen Schritt näher an Annabell herangekommen. Die Feuermagierin entscheidet sich währenddessen für einen Taktikwechsel. Statt erneut für jene Flammen-Fertigkeit zu gehen, scheint sie diesmal größere Kaliber auffahren zu wollen. Das Funkeln ihres Stabes erinnert mich verdächtig an das Ende eines gewissen braunen Bärs.
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